Release: 16.09.26
Meine Band mit Can Olgun und Keisuke Matsuno ist aus einer über 20-jährigen Freundschaft hervorgegangen. Wir machen seit unserer Jugend gemeinsam Musik und haben viele musikalische Schlüsselmomente zusammen durchlebt. Wir waren zur selben Zeit für mehrere Jahre in New York und trafen uns dort oft zu privaten Jam-Sessions. Meist spielten wir frei improvisiert und ohne Absprachen, was sich durch unsere Vertrautheit wie selbstverständlich ergab. Darüber hinaus bot die offene Besetzung - bestehend aus Schlagzeug, Klavier und Gitarre ohne Bass - Raum für freies Gestalten. Alles passte zusammen: Keisukes Gitarrenspiel mit seinen vielfältigen elektrischen Klangeffekten in Kombination mit dem lyrisch akustischen Klaviersound von Can, eingebettet in mein filigranes, umspielendes Schlagzeugspiel. Bald brachte ich eigene Stücke mit: Fragmente, Skizzen, Melodien oder Klangverbindungen, die man gut in die freie Improvisation einflechten konnte. Es entwickelte sich eine eigene Klangsprache.
Gegen Ende meines Aufenthalts in New York beschloss ich ein Tonstudio zu buchen, um diesen Lebensabschnitt nachhaltig festzuhalten. Es entstand die Idee, dazu jemanden aus der New Yorker Szene einzuladen, der uns beim Spielen zusätzlich inspirieren könnte. Eigentlich waren wir mit der basslosen Formation zwar glücklich, aber dachten nun sofort an Thomas Morgan, der durch seine reduzierte und hochsensible Spielweise ideal zum Bandsound passen würde. Gesagt, getan! Das Ergebnis wurde mein Debütalbum Little Flower, nun als Quartett mit Bass. Zurück in Berlin organisierte ich eine Release Tour, zu der auch Thomas eingeflogen wurde. Aus logistischen Gründen spielten wir in den Folgejahren aber meist in unserer ursprünglichen Besetzung ohne Bass. Mittlerweile ist unser Trio nach Little Flower benannt.
Die räumliche Distanz zwischen New York und Berlin hielt uns nicht davon ab, weiterhin aufzutreten. Jede Gelegenheit, zu der wir gleichzeitig an einem Ort waren, wurde genutzt. In Berlin erinnerten wir uns an das alte Fender Rhodes in Cans Elternhaus. Es ist zwar unglaublich schwer zu transportieren, aber umso schöner im Klang. Mithilfe des Rhodes ließ sich der Raum zwischen elektrischen Gitarrenklängen und akustischem Klavier weiter verdichten. Außerdem konnte nun in den tiefen Frequenzbereichen mehr ausgefüllt werden. Das hat unsere Klangsprache nochmals bereichert. In den Folgejahren komponierte ich vermehrt für die Band und plante eine neue Aufnahme. Am Ende dauerte es etwas länger: Wir waren neben der Musik mit Familie und Kindern beschäftigt. In der Zwischenzeit kam die Pandemie und auch Keisuke zog zurück nach Berlin. Mit Silence veröffentlichen wir nun unser zweites Album.
Beim Komponieren verarbeite ich das Leben mit allen Höhen und Tiefen. Nicht bewusst im Sinne eines rationalen Prozesses sondern auf der Gefühlsebene. Ich suche nach Wegen, Töne miteinander in Beziehung zu setzen und Klänge zu verbinden. Im Zuge dessen entsteht eine Klangwelt, die mir etwas zurück gibt, da sie mit meinen persönlichen Erfahrungen resoniert. Sie beschreibt das Chaos und die Unwägbarkeiten des Lebens und versucht gleichzeitig Ruhe und Harmonie herzustellen. Meine Musik ist für mich also Selbstausdruck und Selbsthilfe in einem. Mit ihr finde ich Halt in einer Welt, die manchmal aus den Fugen geraten zu sein scheint - insbesondere in den letzten Jahren durch allgegenwärtige Krisen und Kriege. Die zunehmende Polarisierung und Militarisierung unserer Gesellschaft bereitet mir Sorgen. Zweifel und Zwischentöne, Diplomatie und allgemein das Verbindende und Menschliche kommen im heutigen Diskurs kaum noch vor. Silence unternimmt den Versuch die Ohnmacht und Frustration in Anbetracht einer zersplitterten Welt mit meinem Streben nach Versöhnung und Ausgleich in Einklang zu bringen. Die Musik ist für mich die Suche nach Frieden im Kleinen wie im Großen. Ein stiller Rückzugsort in einer immer lauter und unruhiger werdenden Welt.
Julian Erdem
1) Traumwelt (4:28)
2) View from my Balcony (4:15)
3) Schwebezustand (3:59)
4) Portrait of Silence (5:00)
5) Silent Dream of a World at Peace (7:13)
6) Words (6:04)
7) My Old Tree (7:12)
8) Still Growing (5:14)
Total time: 43:26
Julian Erdem – drums & compositions
Keisuke Matsuno – guitar & effects
Can Olgun – piano & rhodes
Recorded at Emil Berliner Studio, Berlin, July 21st, 2023
Recording Engineer: Juan Moreno
Mixed by Nanni Johansson, November 5th and 29th, 2023
Mastered by Frida Claeson Johansson in January 2026
Painting by Anja Röhl
Cover Design by Tomas Engel
Produced by Julian Erdem
julianerdem.com